Berichterstattung über Suizide

Berichterstattung über Suizide

11.03.2026 | Ilona Stüß

Wie Journalist*innen Nachahmungen verhindern und Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen reduzieren können.

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen durch Suizid. Fachleute schätzen, dass alle 5 Minuten jemand versucht sich das Leben zu nehmen. Die Dunkelziffer ist hoch. Medienberichte über Suizide können Nachahmungen auslösen, weshalb Medien eine besondere Verantwortung tragen.

 

Die Medien tragen eine besondere Verantwortung im Umgang mit dem Thema Suizid. Eine respektvolle und wertungsfreie Berichterstattung kann dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen und Suizidprävention zu fördern.

 

Der Pressekodex: Zurückhaltung als Schutzfaktor

Der Deutsche Pressekodex weist in Richtlinie 8.7 ausdrücklich auf die besondere Verantwortung bei der Berichterstattung über Suizide hin. Er empfiehlt Zurückhaltung, insbesondere bei:

  • der Nennung von Namen
  • der Veröffentlichung von Fotos
  • detaillierten Beschreibungen von Umständen oder Methoden

Diese Zurückhaltung ist kein Verschweigen, sondern ein bewusster Schutz vulnerabler Menschen.

 

Der Werther-Effekt: Wenn Berichterstattung Risiken erhöht

Der sogenannte Werther-Effekt beschreibt ein Phänomen, das wissenschaftlich gut belegt ist:
Werden Suizide medial stark beleuchtet, emotional aufgeladen oder detailliert dargestellt, kann dies zu einem Anstieg von Suiziden führen – insbesondere bei Menschen, die sich bereits in einer Krise befinden.

Der Begriff geht auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ zurück. Nach dessen Veröffentlichung im 18. Jahrhundert kam es zu zahlreichen Nachahmungstaten, die sich auffallend an der literarischen Darstellung orientierten. Heute wissen wir:

  • Identifikation mit Betroffenen
  • Vereinfachte Erklärungen („ein Auslöser“)
  • Dramatische oder romantisierende Darstellungen

können suizidale Gedanken verstärken und Handlungen begünstigen.

 

Hoffnung wirkt: Der Papageno-Effekt

Dem Werther-Effekt gegenüber steht der Papageno-Effekt. Studien zeigen:
Wenn Medien über Menschen berichten, die Krisen bewältigt haben, Hilfe angenommen und neue Perspektiven gefunden haben, sinkt die Suizidrate messbar.

Wie verantwortungsvolle Berichterstattung aussehen sollte
Ein sensibler, präventiver Umgang mit dem Thema Suizid umfasst unter anderem:

  • Wege aus der Krise aufzeigen
    Berichte über Bewältigungsstrategien, Therapieerfahrungen und Unterstützungsmöglichkeiten stärken Hoffnung.
  • Professionelle Hilfsangebote nennen
    Telefonnummern, Anlaufstellen und Beratungsangebote sollten immer sichtbar sein.
  • Individuelle Problematiken differenziert darstellen
    Hintergrundinformationen zu psychischen Erkrankungen helfen, zu verstehen – ohne zu vereinfachen oder zu werten.
  • Suizid als Folge einer behandelbaren Erkrankung einordnen
    Psychische Erkrankungen sind ernst, aber behandelbar. Diese Botschaft ist zentral.
  • Warnsignale erklären
    So können Angehörige, Freund*innen und Kolleg*innen sensibler reagieren.
  • Expert*innen einbeziehen
    Fachliche Einordnung schafft Orientierung und vermeidet Mythen.
  • Mitgefühl zeigen
    Für Betroffene wie auch für Hinterbliebene – ohne Sensationslust.

 

Was vermieden werden sollte

Ebenso wichtig ist, wie nicht berichtet werden sollte:

  • reißerische Schlagzeilen oder Titelseiten
  • detaillierte Angaben zu Methode, Ort oder Ablauf
  • Fotos, Abschiedsbriefe oder Verherrlichung
  • vereinfachte Erklärungen oder Schuldzuweisungen
  • romantisierende Begriffe wie „Freitod“
  • Verweise auf problematische oder suizidfördernde Online-Foren

 

Fazit: Medien können Teil der Lösung sein

Durch eine sachliche, empathische und lösungsorientierte Berichterstattung können Medien aktiv zur Suizidprävention beitragen, Stigmatisierung abbauen und Menschen ermutigen, Hilfe anzunehmen.

 

Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112.

Sie erreichen die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222.


 

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